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„VR kann einen Therapieplan wirksam unterstützen“

Aktualisiert: 30. Sept. 2021

„Wir haben wirklich viel tolle Technik hier – das ist echt klasse!“ Auch wenn ich Philip Schäfer durch das Telefon nicht sehen kann: ich bin mir sicher, dass seine Augen leuchten, wenn er über die Ausstattung des VR-Labors „Evelyn“ im Unity Lab der Hochschule Heilbronn spricht.

Schäfer ist Medizininformatiker und leitet das Forschungsprojekt Evelyn, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Ziel des Projektes ist es, moderne Virtual Reality-Technologie für die ambulante Psychotherapie bei der Behandlung von Angststörungen nutzbar zu machen: anstatt Konfrontationstherapien in realer Umgebung („in vivo“) durchzuführen erleben Patienten die angstauslösende Situation virtuell über eine VR-Brille. „Wir versprechen uns, durch den Einsatz von VR den Therapieaufwand erheblich zu senken und Hemmschwellen für Patienten abzubauen“, erklärt Schäfer.

Das Evelyn-Labor erstreckt sich über 40qm und kann bei Bedarf auf 100qm erweitert werden. VR-Brillen erzeugen für den Benutzer einen realistischen, räumlichen Eindruck von Höhe und Tiefe. Möglich wird das über Stereoskopie, bei der die beiden Bildschirme für jedes Auge ein etwas anderes Bild zeigen. Im Raum verbaute Kameras vermessen den Patienten und zeichnen alle Bewegungen auf, erklärt mir Schäfer. “Die Probanden bewegen sich ganz natürlich durch den Raum und tragen dabei einen Rucksack mit einem PC auf dem Rücken. Die Bewegungsdaten werden verarbeitet und in die VR übertragen.” So können Probanden auch ihre „eigenen“, sprich virtuellen Füße sehen und so beispielsweise steuern, wie sie sich in der VR auf einen Abgrund zubewegen. Mithilfe eines speziellen Handschuhs mit haptischem Feedback kann man außerdem virtuelle Gegenstände berühren, hochnehmen oder ablegen. Die virtuellen Realitäten hat das Forscher-Team selbst programmiert. Inzwischen hat das Heilbronner Evelyn-Team einen Demonstrator für die klinische Evaluation entwickelt, der nun in Zusammenarbeit mit klinischen Partnern getestet werden soll.

„Wir haben hier die Möglichkeiten, sehr viel zu erproben – von der hochentwickelten VR-Anwendung bis zur mobilen Anwendung über ein Smartphone in Kombination mit VR-Brille“, erläutert Schäfer. „Wir haben empirisch erforscht, wo VR einen wirklichen Benefit in der Behandlung von Angststörungen bringt. Das ist beispielsweise bei Angst vor dem Autofahren der Fall, bei Flugangst, Sozialphobien und Höhenangst“, sagt der Wissenschaftler. Im Rahmen des Projekts Evelyn haben die Forscher die Möglichkeit, die verfügbare Technik ausgiebig zu testen. „Wir haben eine Menge ausprobiert, dann aber auch Dinge verworfen. Denn nicht alles, was technisch möglich ist, in der Praxis auch sinnvoll“, berichtet Schäfer. Letztlich sei entscheidend, dass das System sowohl für den Patienten als auch für den Therapeuten gut einsetzbar sei.

Je ausgefeilter die Technik ist, desto mehr Gestaltungsmöglichkeiten bietet sie für die Therapie, berichtet Schäfer: „In unseren programmierten Szenarien kann der Therapeut das Setting gezielt beeinflussen und sich sogar selbst in die VR begeben, um dort mit seinem Patienten zu interagieren.“ So eröffne man dem Therapeuten mehr Freiheiten. Neue technische Entwicklungen und Produkte wie die Oculus Quest sind für das Forscher-Team besonders spannend: dadurch wird die Anwendung von VR für die Therapie auch für uns besser umsetzbar, sagt Schäfer.

“Der Vorteil einer Therapie mit Virtual Reality ist, dass sie kostengünstig, risikoarm und effizienter für den Patienten wird”, so Gerrit Meixner, Professor für Mensch-Computer-Interaktion und Geschäftsführer des Unity Labs Heilbronn in einem Interview mit Spiegel Online. Mit VR können die angstauslösenden Szenarien beliebig oft reproduziert und gezielt gesteuert werden – ohne dass ein Therapeut Einmachgläser voller Insekten horten oder mit seinen Patienten auf Hochhäusern steigen muss. In der VR können Phobiker und Therapeut die Spinne immer wieder aufs Neue das Bein hinauf krabbeln lassen, gemeinsam über eine Autobahn rasen oder die Landung des Flugzeugs durchleben. „Wir sehen VR als eine wirksame Möglichkeit an, einen Therapieplan zu unterstützen“, ergänzt Schäfer. In einem virtuellen Konferenzraum etwa, vor einem Rednerpult und einem aufgeklappten Laptop, kann man hier die nächste Präsentation im Meeting trainieren. So lässt sich die Angst ablegen, vor anderen zu sprechen.

Doch bei aller Technikbegeisterung stellt Schäfer auch fest: „Letztlich muss ein solches System auch praktisch einsatzfähig und erschwinglich sein.“ Wenn Installationen durch einen geschulten Techniker notwendig sind, Wartungsarbeiten und aufwändige Einstellungen, dann winken niedergelassene Therapeuten sofort ab. Für viele ist es bereits nervig, wenn sich eine App oder Software nicht umgehend nutzen lässt oder Updates gemacht werden müssen. Deutlich einfachere technische Lösungen können ebenfalls einen echten Mehrwert liefern: so erachtet Schäfer auch 360°-Filme als sinnvoll zur Therapieunterstützung. Hier wird dem Patienten kein programmiertes Szenarium gezeigt, sondern ein Rundum-Film, den er über die VR-Brille ebenfalls räumlich erlebt. Bei VirtuallyThere machen wir damit sehr gute Erfahrungen – mit VR-Videos als Zwischenschritt zur Exposition in vivo und als wirksames Instrument, um Lücken in der Angsthierarchie zu füllen.

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